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Libertas

In Ermangelung aktueller Anlässe, Recycling aus meinem alten Blog:

„So come on, every guy, grab a girl, everywhere, around the world“ – Mick Jagger, David Bowie, 1985

Man nennt sich nun „Freund der offenen Gesellschaft“, will jetzt „liberal“ sein. Natürlich ist es dazu notwendig mit der eigenen Vergangenheit aufzuräumen. Das erste was solchen Integrationsbestrebungen in die rassistische, antisemitische und reaktionäre deutsche Normalgesellschaft zum Opfer fallen muss, ist natürlich die Utopie. Die Forderung nach der Abschaffung des falschen Ganzen war ihnen ja auch immer schon eine ungeheure, beängstigende Vorstellung.

So ist es wohl auch die Angst vor der eigenen „Courage“, die die Rechtsabweichler aus dem Berliner Milieu nun in die arme der „offenen Gesellschaft“ treibt. Sie können nicht verstehen, warum Angesichts der wunderbaren Verhältnisse, wie sie uns alltäglich begegnen, „nicht (…) vor Glück auf der Straße tanzen“. Schließlich gibt es für sie an einer Gesellschaft nichts zu kritisieren, deren Ziel „Vernunft, Moral und Schönheit“ sind. So freut Mann sich auch, wenn Frau sich stundenlang vor dem Spiegel schminkt um ihren Marktwert zu steigern. Der liberale Mann küsst sie aber auch ungeschminkt, und, wie weiter klargestellt wird: ungefragt.
Man muss liberal sein, denn der Liberalismus kenne nur zwei Wahrheiten über den Menschen: „Sie sind alle verschieden. Und sie alle sind fehlerhaft.“ – natürlich an den Maßstäben der kapitalistischen Gesellschaft gemessen. Aus diesem Menschenbild, das keines sein will, leitet sich dann auch die Absage an alle Utopie ab. Dümmlicher wird Herrschaftsaffirmation wohl nur bei Sabine Christiansen betrieben. Und genau da sehe ich die Herren Jagger und Bowie („Dancing in the Streets“) auch in 2 Jahren sitzen. Für die liberale Gesellschaft – anything goes.

„doing culture“

Mario A. Sarcletti berichtet hier über das „Fest der Kulturen“ an der Universität Bielefeld und nimmt nebenbei noch den Kulturalismus der Veranstalter auf’s Korn.

Die Dialektik des Antideutschtums

Die Bezeichnung des deutschesten aller jemals verübten Verbrechen, der Shoa, als einen Rückfall in die Barbarei vermag diese nicht zu treffen. Der Massenmord war ganz und gar zivilisiert, berief sich noch im Rassenwahn auf die Naturwissenschaften, sowie er sich im Verdammen des „jüdischen Wesens“ noch auf den deutschen Idealismus berufen konnte (Kant: „Vampyre der Gesellschaft“). Die Mittel, die letztlich zu Vernichtung der Juden genutzt wurden, waren nicht zufällig industrielle, eben zivilisierte.

„Barbarei“ beschreibt nicht den Charakter der Shoa. Schließlich war sie gerade der Höhepunkt abendländischer „Zivilisation“, ihre totale Entfaltung, ihr Ziel war nicht die Negation der Zivilisation, sondern sich von ihren negativen Begleiterscheinung zu befreien, die man als „parasitär“ abgespalten hatte und in der Figur des Juden konkretisiert, und somit die Rettung dieser Zivilisation. Die deutschen „Landser“ zogen nicht mit „Buschtrommeln“ in einen Vernichtungskrieg (und auch nicht mit dem Koran!), sie hatten Goethe und Schiller im Tornister. Die SS-Mannschaften spielten bei der Judenselektion klassische Musik vom Grammophon, sie waren keine Barbaren, sie verkörperten das Ideal eines abendländischen Kulturmenschen.

Was soll also das Gerede von der Barbarei? Oder besser: Welche Konsequenzen zieht der gemeine Antideutsche, sich ganz in der Tradition der kritischen Theorie wähnend, aus dieser Charakterisierung der Shoah? Wo die kritische Theorie diesen Begriff noch dialektisch anwandte (nämlich niemals ohne die Zivilisation als das zu benennen, von der diese Barbarei ausging), gereicht sie hier nur noch zum reinen Ressentiment gegen die als barbarisch ausgemachten Araber, Türken, Muslime. Diese planen nämlich in der post-antideutschen Wahnvorstellung gerade kollektiv eine neue Shoa und die Erledigung der Zivilisation gleich mit.

Die Barbarei des NS wird als der Rückfall in vorzivilisierte Zustände gedeutet, als hätte man die Feststellung aus der Dialektik der Aufklärung, dass die vollends aufgeklärte Erde im Zeichen triumphalen Unheils erstrahle, einfach vergessen.

Es sind zwei Seiten, die der post-antideutschen Projektion anhaften:
Auf der einen wird das neue Feindbild, „die Araber“, ganz in rassistischer Manier, zu einem unzivilisierten, eben „barbarischen“ Kollektiv stilisiert, gänzlich unberührt von der bürgerlichen Aufklärung. Auf der der anderen Seite, wird in dem der NS eben genau hier eingeordnet wird, der selbige nicht als Phänomen der bürgerlichen Gesellschaft analysiert, sondern als etwas vollkommen von ihr unberührtes, eben zu einem Rückfall in die Barbarei, die hier so wörtlich genommen wird, wie sie die Griechen meinten, nämlich als Charakterisierung der „kulturlosen“ Völker.
Die logische Konsequenz dieses verkehrten Denkens ist dann auch die, die gezogen wird: Man betreibt keine kritische Theorie der Gesellschaft, sondern eben eine unkritische, die sich unbedacht auf die bürgerliche Aufklärung als zu verwirklichendes Projekt bezieht und so die reine Apologetik des Bestehenden betreibt, denn die Erde ist bereits „vollends aufgeklärt“. Was man eben als barbarisch und zurückgeblieben identifiziert ist nichts anderes als ein Produkt der Zivilisation. Die ihr innewohnende Tendenz zur Barbarei wird als ein ihr fremdes abgespalten. So wird die Apologetik der Zivilisation letztlich zur vollkommenen Identifikation mit der (zivilisierten) Herrschaft. Ihre letzte Konsequenz ist der Ruf nach dem Krieg, der Gewalt:

„Die Zeichen der Ohnmacht, die hastigen unkoordinierten Bewegungen, Angst der Kreatur, Gewimmel, fordern die Mordgier heraus.“
[Dialektik der Aufklärung: Exkurs II: Juliette oder Aufklärung und Moral. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften 3, S. 132)]

Denn nichts anderes ist es, was die heutigen Freunde der kapitalistischen Herrschaft umtreibt, der Hass auf das „Gewimmel“ an den unteren Rändern der Gesellschaft, oder in den „unzivilisierten“ Randbezirken der kapitalistischen Welt. Es geht ihnen um die Verteidigung einer Zivilisation, die sich immer wieder selbst an den Rand ihrer Selbstaufhebung treibt. Wer das nicht erkennen will, soll von der Barbarei schweigen.

Hallo.

Ich bin .C, willkommen auf meinem blog.