Archiv der Kategorie 'Grenzen der Aufklärung'

Zero Tolerance

Hingewiesen auf die homophoben und rassistischen „Ausfälle“ eines ihrer Mitglieder, namentlich die eines gewissen Jürgen Krafzik, reagiert die „Bloggergemeinde“ mit einem Aufruf zur Toleranz . Nicht, wie man meinen möchte, mit einer Absage an Rassismus und Homophobie. Nicht das übliche liberale Lippenbekenntnis zu den gleichen Rechten „Anders- Glaubender“ oder „Anders-Fühlender“ wird hier bemüht. Nein, man ruft zur Toleranz gegenüber dem Anders-Hassenden auf. Schließlich bedeutet Freiheit nicht die Freiheit vom Hass, sondern eben gerade die Freheit zum Hass. Schließlich ließ sich bereits 1992 in Rostock-Lichtenhagen feststellen, dass die Freiheit in der falschen Gesellschaft durchaus auch die Freiheit zum Pogrom bedeutet.

Und jetzt alle…

Lift up your head
to the rising sun,
Bahamaland;

March on to glory
your bright banners
waving high.

See how the world
marks the manner
of your bearing!

Pledge to excel
through love and unity.

Pressing onward,
march together
to a common loftier goal;

Steady sunward,

tho‘ the weather
hide the wide and treachrous shoal.

Lift up your head
to the rising sun, Bahamaland,

‚Til the road you‘ve trod
lead unto your God,
March On, Bahamaland.

emopunkige AD-Kids

„Emopunks“ diskutieren einen Beitrag von diesem Blog und finden:

„ich halte den begriff der barbarei auch für angebracht. er macht an dieser stelle deutlich, dass auch aus rationalem (z.b. dem exatem vermessen von körperteilen mit wissenschaftlichen methoden) schlimmstes resultieren kann.
das ding ist doch grade dass sich doch grade das versprechen der aufklärung („ausgang des menschen aus der selbstverschuldeten unmündigkeit“) nicht erfüllt hat und gerade die (schein)rationalisierung der ganzen welt, die kein außen, kein unerklärliches, mehr zulässt notwendige bedingung für den industriellen massenmord waren.
die aufklärung wird eben – wenn sie absolut gesetzt und unreflektiert bleibt – selbst zum mythos und produziert die scheinbare wissenschaftlichkeit des rassenwahns – aber keine aus ihr selbst entwachsende moral.
jetzt werft mir blos nicht vor ich würde ein „zurück“ zur gesellschaft der mythen fordern… “

„das rationale im beispiel des vermessens der körperteile ist ja nur scheinbar rational, da man sich einer wissenschaftlichen praxis bedient ohne irgendeinen erkenntniszuwachs. aber der kreis schließt sich bei der betrachtung, warum die nazis versuchten, ihre ideologie wissenschaftlich und damit zivilisatorisch konsequent und stringent zu präsentieren.“

Hier wird klar: Nazis waren keine „Wissenschaftler“. Man verspricht sich von seiner/m Dozent/in in der Uni eben mehr als Rassismus, Antisemitismus, Sexismus oder Homophobie (oder was ich jetzt sonst noch alles anführen könnte).
Man sagt: Die Vernunft sei ja schon in Ordnung, sie hätte bloß eine schreckliche Form angenommen, damals. Dass sie das eben in den Köpfen der wahnhaften Post-Antideutschen immer noch tut: ignoriert. Das sie in der bürgerlichen Wissenschaft immer noch gar schrecklich ist: ignoriert. Die Kritik: abgehakt. Bzw.: Verschoben, auf übermorgen, wenn es keine „barbarischen“ Islamisten mehr gibt. Man freut sich schon auf einen Job in der Elite – Team Enlightenment? Fuck, yeah!

„ein weiteres problem ist, dass die mythen, denen bestimmte (eher traditionelle gesellschaften aufsitzen (z.b. offener antisemitismus), leichter zu durchschauen sind als das mythische moment der aufklärung/moderne.
wenn bestimmte systeme rationalität vorgaukeln und nicht auf abstrusen mythen zur erklärung der welt verweisen wird das ganze halt schwieriger zu durchschauen und zu „de-naturalisieren“.“

Das Problem ist nicht das Rationalität „vorgegaukelt“ wird, sondern, dass das antisemitsche Wahnsystem in sich rational ist. Da unterscheidet es sich im übrigen nicht von anderen modernen Ideologien. Seit wann der Antisemitismus nicht zu diesen gehört, sondern zu den „traditionelleren“ (also „vormodernen“) weiß ich nicht, ich schätze der fragliche Zeitpunkt fällt mit dem Erscheinungsdatum einer Ausgabe der Bahamas zusammen.

Die Dialektik des Antideutschtums

Die Bezeichnung des deutschesten aller jemals verübten Verbrechen, der Shoa, als einen Rückfall in die Barbarei vermag diese nicht zu treffen. Der Massenmord war ganz und gar zivilisiert, berief sich noch im Rassenwahn auf die Naturwissenschaften, sowie er sich im Verdammen des „jüdischen Wesens“ noch auf den deutschen Idealismus berufen konnte (Kant: „Vampyre der Gesellschaft“). Die Mittel, die letztlich zu Vernichtung der Juden genutzt wurden, waren nicht zufällig industrielle, eben zivilisierte.

„Barbarei“ beschreibt nicht den Charakter der Shoa. Schließlich war sie gerade der Höhepunkt abendländischer „Zivilisation“, ihre totale Entfaltung, ihr Ziel war nicht die Negation der Zivilisation, sondern sich von ihren negativen Begleiterscheinung zu befreien, die man als „parasitär“ abgespalten hatte und in der Figur des Juden konkretisiert, und somit die Rettung dieser Zivilisation. Die deutschen „Landser“ zogen nicht mit „Buschtrommeln“ in einen Vernichtungskrieg (und auch nicht mit dem Koran!), sie hatten Goethe und Schiller im Tornister. Die SS-Mannschaften spielten bei der Judenselektion klassische Musik vom Grammophon, sie waren keine Barbaren, sie verkörperten das Ideal eines abendländischen Kulturmenschen.

Was soll also das Gerede von der Barbarei? Oder besser: Welche Konsequenzen zieht der gemeine Antideutsche, sich ganz in der Tradition der kritischen Theorie wähnend, aus dieser Charakterisierung der Shoah? Wo die kritische Theorie diesen Begriff noch dialektisch anwandte (nämlich niemals ohne die Zivilisation als das zu benennen, von der diese Barbarei ausging), gereicht sie hier nur noch zum reinen Ressentiment gegen die als barbarisch ausgemachten Araber, Türken, Muslime. Diese planen nämlich in der post-antideutschen Wahnvorstellung gerade kollektiv eine neue Shoa und die Erledigung der Zivilisation gleich mit.

Die Barbarei des NS wird als der Rückfall in vorzivilisierte Zustände gedeutet, als hätte man die Feststellung aus der Dialektik der Aufklärung, dass die vollends aufgeklärte Erde im Zeichen triumphalen Unheils erstrahle, einfach vergessen.

Es sind zwei Seiten, die der post-antideutschen Projektion anhaften:
Auf der einen wird das neue Feindbild, „die Araber“, ganz in rassistischer Manier, zu einem unzivilisierten, eben „barbarischen“ Kollektiv stilisiert, gänzlich unberührt von der bürgerlichen Aufklärung. Auf der der anderen Seite, wird in dem der NS eben genau hier eingeordnet wird, der selbige nicht als Phänomen der bürgerlichen Gesellschaft analysiert, sondern als etwas vollkommen von ihr unberührtes, eben zu einem Rückfall in die Barbarei, die hier so wörtlich genommen wird, wie sie die Griechen meinten, nämlich als Charakterisierung der „kulturlosen“ Völker.
Die logische Konsequenz dieses verkehrten Denkens ist dann auch die, die gezogen wird: Man betreibt keine kritische Theorie der Gesellschaft, sondern eben eine unkritische, die sich unbedacht auf die bürgerliche Aufklärung als zu verwirklichendes Projekt bezieht und so die reine Apologetik des Bestehenden betreibt, denn die Erde ist bereits „vollends aufgeklärt“. Was man eben als barbarisch und zurückgeblieben identifiziert ist nichts anderes als ein Produkt der Zivilisation. Die ihr innewohnende Tendenz zur Barbarei wird als ein ihr fremdes abgespalten. So wird die Apologetik der Zivilisation letztlich zur vollkommenen Identifikation mit der (zivilisierten) Herrschaft. Ihre letzte Konsequenz ist der Ruf nach dem Krieg, der Gewalt:

„Die Zeichen der Ohnmacht, die hastigen unkoordinierten Bewegungen, Angst der Kreatur, Gewimmel, fordern die Mordgier heraus.“
[Dialektik der Aufklärung: Exkurs II: Juliette oder Aufklärung und Moral. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften 3, S. 132)]

Denn nichts anderes ist es, was die heutigen Freunde der kapitalistischen Herrschaft umtreibt, der Hass auf das „Gewimmel“ an den unteren Rändern der Gesellschaft, oder in den „unzivilisierten“ Randbezirken der kapitalistischen Welt. Es geht ihnen um die Verteidigung einer Zivilisation, die sich immer wieder selbst an den Rand ihrer Selbstaufhebung treibt. Wer das nicht erkennen will, soll von der Barbarei schweigen.