Archiv für Juni 2005

Zero Tolerance

Hingewiesen auf die homophoben und rassistischen „Ausfälle“ eines ihrer Mitglieder, namentlich die eines gewissen Jürgen Krafzik, reagiert die „Bloggergemeinde“ mit einem Aufruf zur Toleranz . Nicht, wie man meinen möchte, mit einer Absage an Rassismus und Homophobie. Nicht das übliche liberale Lippenbekenntnis zu den gleichen Rechten „Anders- Glaubender“ oder „Anders-Fühlender“ wird hier bemüht. Nein, man ruft zur Toleranz gegenüber dem Anders-Hassenden auf. Schließlich bedeutet Freiheit nicht die Freiheit vom Hass, sondern eben gerade die Freheit zum Hass. Schließlich ließ sich bereits 1992 in Rostock-Lichtenhagen feststellen, dass die Freiheit in der falschen Gesellschaft durchaus auch die Freiheit zum Pogrom bedeutet.

Aufklärung und Moral I

Spiegel Online widmet eine kurze Meldung einer Frau im US-amerikanischen Arlington, die, obwohl sie hirntot ist, noch ein Kind gebären soll. Nun mag man mit allerlei moralischem Argument daher kommen und die Interessen eines ungeborenen Kindes gegen die einer hirntoten Frau abwägen. Das ist allerdings nicht die Frage, die mich hier beschäftigt. Es geht mir nicht um eine ethisch-moralische Begründung solcher Maßnahmen oder ihrer Ablehnung. Es geht darum, was deutlich wird, unabhängig von den konkreten Umständen dieses Geschehens.
Hier, wo die patriarchale Vernunft deutlich Verfügungsgewalt über den Corpus, den Körper (und nicht den Leib, der noch mit der Seele eins ist) ausübt und hier gerade einen weiblichen Körper restlos und noch deutlicher zum rein mechanischen Mittel von Reproduktion verstümmelt, wird bewusst, wie das aufgeklärte „Interesse am Körper“, das Horkheimer und Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“ beschreiben, zum Mittel der Beherrschbarkeit des Körpers wird. Der Körper, als letztes Natürliches, was das Subjekt noch bedingt, muss ihm unterworfen werden. Der Hass des jungen Mannes auf seine Mutter, der Ekel den er empfindet beim Gedanken, dass sie ihn auf die Welt gebracht hat, ist nichts weiter als der Hass auf die Natur die seine Subjektwerdung bedingt. Im toten weiblichen Körper, dem im Falle der Gefahr einer Infektion noch der Kopf abgetrennt werden soll, um das Leben des Kindes nicht zu gefährden, manifestiert sich die totale Verobjektivierung des Körpers, sie wird an ihm nachvollzogen und ordnet sich in den Prozess einer düsteren „Emanzipation“ von einer verhassten und deswegen als wunderbar funktionstüchtig glorifizierten Natur ein.

Und jetzt alle…

Lift up your head
to the rising sun,
Bahamaland;

March on to glory
your bright banners
waving high.

See how the world
marks the manner
of your bearing!

Pledge to excel
through love and unity.

Pressing onward,
march together
to a common loftier goal;

Steady sunward,

tho‘ the weather
hide the wide and treachrous shoal.

Lift up your head
to the rising sun, Bahamaland,

‚Til the road you‘ve trod
lead unto your God,
March On, Bahamaland.

emopunkige AD-Kids

„Emopunks“ diskutieren einen Beitrag von diesem Blog und finden:

„ich halte den begriff der barbarei auch für angebracht. er macht an dieser stelle deutlich, dass auch aus rationalem (z.b. dem exatem vermessen von körperteilen mit wissenschaftlichen methoden) schlimmstes resultieren kann.
das ding ist doch grade dass sich doch grade das versprechen der aufklärung („ausgang des menschen aus der selbstverschuldeten unmündigkeit“) nicht erfüllt hat und gerade die (schein)rationalisierung der ganzen welt, die kein außen, kein unerklärliches, mehr zulässt notwendige bedingung für den industriellen massenmord waren.
die aufklärung wird eben – wenn sie absolut gesetzt und unreflektiert bleibt – selbst zum mythos und produziert die scheinbare wissenschaftlichkeit des rassenwahns – aber keine aus ihr selbst entwachsende moral.
jetzt werft mir blos nicht vor ich würde ein „zurück“ zur gesellschaft der mythen fordern… “

„das rationale im beispiel des vermessens der körperteile ist ja nur scheinbar rational, da man sich einer wissenschaftlichen praxis bedient ohne irgendeinen erkenntniszuwachs. aber der kreis schließt sich bei der betrachtung, warum die nazis versuchten, ihre ideologie wissenschaftlich und damit zivilisatorisch konsequent und stringent zu präsentieren.“

Hier wird klar: Nazis waren keine „Wissenschaftler“. Man verspricht sich von seiner/m Dozent/in in der Uni eben mehr als Rassismus, Antisemitismus, Sexismus oder Homophobie (oder was ich jetzt sonst noch alles anführen könnte).
Man sagt: Die Vernunft sei ja schon in Ordnung, sie hätte bloß eine schreckliche Form angenommen, damals. Dass sie das eben in den Köpfen der wahnhaften Post-Antideutschen immer noch tut: ignoriert. Das sie in der bürgerlichen Wissenschaft immer noch gar schrecklich ist: ignoriert. Die Kritik: abgehakt. Bzw.: Verschoben, auf übermorgen, wenn es keine „barbarischen“ Islamisten mehr gibt. Man freut sich schon auf einen Job in der Elite – Team Enlightenment? Fuck, yeah!

„ein weiteres problem ist, dass die mythen, denen bestimmte (eher traditionelle gesellschaften aufsitzen (z.b. offener antisemitismus), leichter zu durchschauen sind als das mythische moment der aufklärung/moderne.
wenn bestimmte systeme rationalität vorgaukeln und nicht auf abstrusen mythen zur erklärung der welt verweisen wird das ganze halt schwieriger zu durchschauen und zu „de-naturalisieren“.“

Das Problem ist nicht das Rationalität „vorgegaukelt“ wird, sondern, dass das antisemitsche Wahnsystem in sich rational ist. Da unterscheidet es sich im übrigen nicht von anderen modernen Ideologien. Seit wann der Antisemitismus nicht zu diesen gehört, sondern zu den „traditionelleren“ (also „vormodernen“) weiß ich nicht, ich schätze der fragliche Zeitpunkt fällt mit dem Erscheinungsdatum einer Ausgabe der Bahamas zusammen.

Libertas

In Ermangelung aktueller Anlässe, Recycling aus meinem alten Blog:

„So come on, every guy, grab a girl, everywhere, around the world“ – Mick Jagger, David Bowie, 1985

Man nennt sich nun „Freund der offenen Gesellschaft“, will jetzt „liberal“ sein. Natürlich ist es dazu notwendig mit der eigenen Vergangenheit aufzuräumen. Das erste was solchen Integrationsbestrebungen in die rassistische, antisemitische und reaktionäre deutsche Normalgesellschaft zum Opfer fallen muss, ist natürlich die Utopie. Die Forderung nach der Abschaffung des falschen Ganzen war ihnen ja auch immer schon eine ungeheure, beängstigende Vorstellung.

So ist es wohl auch die Angst vor der eigenen „Courage“, die die Rechtsabweichler aus dem Berliner Milieu nun in die arme der „offenen Gesellschaft“ treibt. Sie können nicht verstehen, warum Angesichts der wunderbaren Verhältnisse, wie sie uns alltäglich begegnen, „nicht (…) vor Glück auf der Straße tanzen“. Schließlich gibt es für sie an einer Gesellschaft nichts zu kritisieren, deren Ziel „Vernunft, Moral und Schönheit“ sind. So freut Mann sich auch, wenn Frau sich stundenlang vor dem Spiegel schminkt um ihren Marktwert zu steigern. Der liberale Mann küsst sie aber auch ungeschminkt, und, wie weiter klargestellt wird: ungefragt.
Man muss liberal sein, denn der Liberalismus kenne nur zwei Wahrheiten über den Menschen: „Sie sind alle verschieden. Und sie alle sind fehlerhaft.“ – natürlich an den Maßstäben der kapitalistischen Gesellschaft gemessen. Aus diesem Menschenbild, das keines sein will, leitet sich dann auch die Absage an alle Utopie ab. Dümmlicher wird Herrschaftsaffirmation wohl nur bei Sabine Christiansen betrieben. Und genau da sehe ich die Herren Jagger und Bowie („Dancing in the Streets“) auch in 2 Jahren sitzen. Für die liberale Gesellschaft – anything goes.